Autoreninterview: Sabine Ludwig über ihre größte Errungenschaft, ihre schrecklichste Lesung und viel mehr…

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Als ich jünger war, war die Kinder- und Jugendbuchautorin Sabine Ludwig eine meiner liebsten Autorinnen. Ihre Bücher „Der siebte Sonntag im August“ und „Die schrecklichsten Mütter der Welt“ gehörten zu meinen liebsten Romanen und haben auch jetzt noch einen kleinen Platz in meinem Herzen.
Demnach war ich mehr als erfreut, dass sich Sabine Ludwig bereiterklärt hat, sich mit meinen Interviewfragen auseinanderzusetzen 🙂 !


SabineLudwig
(c) Martin Becker

Geboren 1954 in Berlin. Studium von Germanistik, Romanistik und Philosophie. Staatsexamen. War nach dem Studium kurze Zeit an einem Berliner Gymnasium als Lehrerin tätig. Danach arbeitete sie als Regieassistentin, Pressereferentin und Rundfunk­redakteurin. Schreibt seit 1987 Geschichten für Kinder. Darüberhinaus übersetzt sie aus dem Englischen, verfasst Hörspiele und Theaterstücke und arbeitet als Journalistin für den Rundfunk und verschiedene Printmedien.

Zu ihrer Homepage (und gleichzeitig der Quelle für Bild und Biographie) kommt ihr hier.


Das Interview:

ÜBER DICHOLIESG0

Beschreibe dich in 3 Worten.

Klein, große Klappe (typisch Berlinerin)

Wie würde der erste Satz deiner Autobiographie lauten?

 Mit fünf Jahren habe ich beschlossen, nicht älter zu werden.

Was ist deine Berufung?

Das ist so ein großes Wort, das passt nicht zu mir.

 Was ist dein Lieblingszitat?

„Sagen Sie jetzt nichts, Fräulein Hildegard“ (Loriot)

 Welche berühmte Person würdest du am liebsten Interviewen und warum?

Wenn er noch lebte, hätte ich gern Loriot interviewt, denn ich bewundere ihn sehr. Eigentlich erzählt er ja in seinen Sketchen zutiefst tragische Geschichten, aber wir schütten uns aus vor Lachen. Das versuche ich in meinen Büchern ein stückweit auch.

Was betrachtest du als deine größte Errungenschaft?

Ich freue  mich immer darüber, wenn mir Eltern sagen, dass sie selbst sehr viel Spaß beim Lesen oder Vorlesen meiner Bücher haben. Darauf bin ich stolz.

Wenn dein Leben ein Film wäre, wie würde er heißen und wer würde die Hauptrolle spielen?

„Sie kam, sah und stolperte“ und für die Hauptrolle würde ich mir Greta Gerwig wünschen

Mit welchem Buchcharakter kannst du dich am besten identifieren?

Wenn es um die Charaktere in meinen Büchern geht, so steckt in jedem – auch in den Bösewichtern – etwas von mir. Am meisten identifizieren kann ich mich mit  Fritze aus meinem Buch „Schwarze Häuser“, denn ihre Geschichte ist auch meine Geschichte.

Was machst du, wenn du nicht grade schreibst?

Ich koche wahnsinnig gern. Gemüseputzen entspannt mich. Natürlich esse ich auch gern und da passt es ganz gut, dass ich mich viel bewege, radfahre, schwimme, laufe. Das ist ein guter Ausgleich zum stundenlangen Sitzen am Schreibtisch.

SCHREIBEN
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Wie bist du zum Schreiben gekommen?

Ich habe nie gern geschrieben, schon gar nicht freiwillig. Es gibt also keine Tagebücher oder erste kleine Geschichten. Ich habe nach dem Studium fürs Radio gearbeitet, Sendungen über Literatur etc. gemacht. Und da fragte mich vor genau 30 Jahren eine Redakteurin, ob ich mir vorstellen könnte, kurze Geschichten für Kinder zu schreiben. Da ich damals weder Kinder hatte, noch welche kannte, habe ich über mich geschrieben. Die Geschichten hörte eine Verlagslektorin im Radio, sie gefielen ihr und es wurde ein Buch daraus. Aus einem wurden zwei usw. Ich bin da so reingerutscht.

Wie gehst du die Buchentwicklung an, bevor es mit dem Schreiben beginnt?

Die meiste Vorarbeit findet im Kopf statt. Ich denke ganz lange über eine Geschichte nach, bevor ich mit Schreiben beginne. Notizen mache ich mir kaum und wenn, dann verschwinden die Zettel oder ich kann meine eigene Schrift nicht lesen.

Wie sieht dein Schreiballtag aus?

Ich bin ein Morgenmensch. Daher fange ich relativ früh an.  Ich nehme mir, jeden Tag mindestens 5 Seiten zu schreiben. Wenn ich das nciht schaffe, und das ist oft der Fall, dann muss ich eben am Wochenende „nachsitzen“.

Wie lange schreibst du ungefähr an einem Buch?

Das hängt natürlich davon ab, wie dick das Buch ist. Für ein Buch von 250 Seiten brauche ich ein halbes bis dreiviertel Jahr.

 

Was inspiriert dich zum Schreiben?

Mein ganz alltägliches Leben. Mir passieren immer irgendwelche Missgeschicke, über die ich mich erst sehr ärgere, später verwandele ich sie dann in lustige Geschichten.

Warum schreibst du größtenteils Kinder- und Jugendbücher?

Wahrscheinlich weil ich nie richtig erwachsen geworden bin.

Was darf nicht fehlen, wenn du schreibst?

Ein Blumenstrauß auf dem Schreibtisch und eine große Kanne Tee.

 

Du hast so viele Bücher geschrieben. Wie kommst du auf immer wieder neue Ideen?

Ich suche die Ideen nicht, die Ideen finden mich. Meine Miss Braitwhistle-Reihe besteht z.B. zum größten Teil aus dem, was ich bei meinen Lesungen in Schulen erleben musste.

Hast du manchmal Schreibblockaden? Wenn ja, was tust du dagegen?


Die habe ich sogar sehr oft. Dann laufe ich einfach durch die Gegend, plan- und ziellos. Dabei kann ich am besten nachdenken. Es ist, als ob durch die Bewegung die Rädchen im Kopf wieder anfangen sich zu drehen.

ÜBERSETZEN
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Du bist auch Übersetzerin. Wie bist du dazu gekommen und wie läuft das Übersetzen eines Buches ab?

Mich fragte eines Tages meine Lektorin im Verlag, ob ich nicht Lust hätte, ein Buch zu übersetzen. Erst war ich unsicher, denn es war ein englisches Buch und ich hatte Französisch studiert. Aber dann hab ich es gelesen – „Das Geheimnis von Bahnsteig 13“ von Eva Ibbotson und fand es so toll, dass ich es unbedingt übersetzen wollte.
Seither hab ich fast so viele Bücher übersetzt wie geschrieben.
Wenn ich ein Buch angeboten bekomme, dann lese ich es und entscheide dann, ob ich es übersetzen möchte. Es muss mich ansprechen und etwas Besondres haben. Dann mache ich eine erste Fassung. Ihr folgt eine zweite, in der ich an den Formulierungen feile. Der wichtigste Teil folgt dann: Ich lasse – wenn die Zeit es zulässt – meine Übersetzung eine Weile liegen und nehme sie mir dann ein drittes Mal vor, allerdings ohne dabei in den Originaltext zu schauen. Da entdeckt man dann immer noch Fehler oder unschöne Formulierungen.

Was ist die größte Schwierigkeit beim Bücher übersetzen?

Es geht darum, eine deutsche Fassung herzustellen, ohne zu sehr einzudeutschen. Manchmal erfinde ich Namen, die englisch klingen, aber im Deutschen auch gebräuchlich sind. In einem Buch von Kate DiCamillo heißt eine Comicfigur mit Superkräften nach einem Reinigungsmittel „Incandesto“, das sagt dem deutschen Leser nichts. Ich habe sie dann Mister Blitz genannt, ich finde, das passt gut.

Manchmal muss man auch in den Text eingreifen, wenn inhaltlich etwas nicht stimmt.

Wie lange dauert es ungefähr ein Buch zu übersetzen?

Das hängt nicht davon ab, wie dick das Buch ist, sondern von der Art des Textes. Manchmal muss man Wortspiele übersetzen, Gedichte, Lieder, da die Entsprechungen auf Deutsch zu finden, kann oft Tage dauern. Aber über den Daumen gepeilt kann ich sagen, dass ich für ein Buch von 200 Seiten ca. drei Monate brauche. Bei dem Seitenhonorar, das man normalerweise bekommt, ist das natürlich viel zu lang, aber Übersetzen ist für mich auch eher eine Art Vitaminspritze fürs Gehirn. Man lernt bei jedem Text etwas dazu und schaut anders auf die eigene Sprache.

AUTORENLEBEN
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Hattest oder hast du Vorbilder als Autorin?

Ich erwähnte ja schon, dass der hintergründige Humor von Loriot mich beim Schreiben sehr inspiriert, in meiner Kindheit sind vor allem Autoren wie Erich Kästner, Mark Twain und Astrid Lindgren für mich wichtig gewesen und ganz besonders auch die Märchen von Hans Christian Andersen, die tiefe Traurigkeit darin berührt mich bis heute.

 

Was ist für dich das Beste am Autor sein?

Das Schönste daran ist zu sehen, dass ich Kindern mit meinen Büchern Spaß bereite. Deswegen mache ich auch relativ viele Lesungen. Das ist zwar immer sehr anstrengend, aber die Reaktion meines Publikums ist mir wichtig. Ich will sehen, ob ich mit dem, was ich mir da am Schreibtisch ausdenke, die Kinder auch erreiche. Schließlich bin ich altersmäßig von meinem Publikum sehr weit entfernt, meine Leser könnten meine Enkel sein.

Gibt es ein Buch von dir welches dir persönlich am Wichtigsten ist?

Das ist sicher das Buch „Schwarze Häuser“, darin erzähle ich, was ich als zehnjähriges Mädchen in einem Kinderheim an der Nordsee erlebt habe. Besonders schön daran ist auch, dass meine Tochter die Vignetten zu dem Buch gezeichnet hat.

In wie weit hat sich dein Leben nach deiner ersten Veröffentlichung verändert?

Erst einmal überhaupt nicht. Ich hatte Geschichten für Kinder fürs Radio geschrieben, die dann als Buch erschienen, das war schön, aber damit bin ich ja nicht über Nacht berühmt geworden. Ich habe meinen Job als Rundfunkredakteurin auch erst etliche Jahre später aufgegeben, um mich ganz dem Schreiben zu widmen.

 

Erinnerst du dich an einen ganz besonderen Moment, den du als Autorin hattest.

Oh ja, an einen besonders schrecklichen. Ich war nach Shanghai zu Lesungen eingeladen und wurde in der Nacht davor krank, hatte schlechten Fisch gegessen. Wie ich die Lesungen überstanden habe, weiß ich bis heute nicht.

Hast du Tipps an angehende Autoren?

Fangt mit kurzen Texten an. Eine Geschichte über vier, fünf Seiten zu schreiben, das ist überschaubar und eine wunderbare Übung. Danach kann man sich an längere Texte machen. Wer sich aber vornimmt, gleich einen Roman zu schreiben, scheitert meist und verliert die Lust am Schreiben.

 

Was wolltest du den Lesern deiner Bücher schon immer sagen?

In erster Linie möchte ich mit meinen Büchern unterhalten. Den Kindern unter meinen Lesern möchte ich vermitteln: Glaubt nicht alles, was euch die Erwachsenen erzählen, macht euch eure eigenen Gedanken und habt Mut zu widersprechen.

Danke dir, das du dir die Zeit genommen hast, diese Fragen zu beantworten.

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